Deutsche Auswanderer, eine Geschichte über 3 Jahrhunderte ist ein neues Buch von Klaus Kampe.

Auszug:

Der Sturm zieht auf (1618–1622)

„Es war ein Sommer, der nach Regen roch, doch nur Asche brachte.“

— Augustin Günter, aus dem Basler Manuskript

Im Jahr 1618 war das Heilige Römische Reich ein Flickenteppich aus Herrschaften, Kirchen und Städten, die sich gegenseitig misstrauten. Was mit einem Fenstersturz in Prag begann, sollte binnen weniger Jahre zu einem Feuersturm werden, der Dörfer verbrannte, Familien zerriss und Glauben in eine Waffe verwandelte. Süddeutschland – die Region zwischen Ulm, Memmingen und dem Bodensee – war damals eine Landschaft kleiner Höfe, dicht bewaldet und reich an Feldern, die vom Schweiß der Bauern lebten. In einem dieser Dörfer, so vermerken spätere Randnotizen im Basler Manuskript, lebte die Familie Günter. Augustin war der älteste Sohn eines Müllers. Sein Dorf lag an einem Nebenfluss der Iller, ein Ort ohne Namen in den großen Chroniken der Zeit – und doch, so schreibt er, „war es unser ganzer Himmel“. Der Krieg kam schleichend. Erst Gerüchte: von böhmischen Aufständen, von einem Kaiser, der den rechten Glauben wieder herstellen wolle. Dann Soldaten, fremde Banner, Requisitionen. „Sie sagten, sie seien Kaiserliche. Andere nannten sie Söldner. Wir wussten nur, dass sie nahmen, was sie fanden. Der Pfarrer bat um Schonung, sie lachten. Am Abend brannte das Pfarrhaus.“ Bis 1620 war das Dorf entvölkert. Viele flohen in die Wälder, einige schlossen sich Trossen von Vertriebenen an. Augustin schreibt, dass man kaum wusste, wohin man gehen sollte. Die Pest folgte dem Krieg, der Hunger der Pest. In den Archivalien der Stadt Ulm finden sich Berichte aus jenen Jahren, die Günters Erzählungen bestätigen: Tausende zogen südwärts, suchten Schutz in Klöstern, bei Verwandten oder in den Schweizer Städten. Basel, Zürich, St. Gallen – sie waren damals Inseln relativer Ruhe in einem brennenden Kontinent. Augustin Günter erwähnt, dass seine Familie „vom rechten Glauben“ sei – womit er wohl den Protestantismus meinte. Für viele war das bereits Grund genug, verfolgt zu werden.

„Man sprach von Gottes Zorn, doch ich sah nur Menschenhand. Wenn einer Hunger litt, nannte man es Prüfung; wenn einer starb, hieß es Fügung. Ich aber fragte, wer uns prüft, und warum.“Diese Sätze, einfach und doch von tiefer Menschlichkeit, machen Günters Aufzeichnungen einzigartig. Sie zeigen, dass schon früh im Dreißigjährigen Krieg ein Bewusstsein wuchs, das über bloße Religionsgrenzen hinausging: das Gefühl, dass Menschen getrieben wurden – nicht von Glauben, sondern vom Überleben. Im Herbst 1622, nach dem Sieg der katholischen Liga bei Stadtlohn, erreichte die Gewalt auch das Dorf der Günters. Augustin berichtet, wie sein Vater erschlagen und die Mühle niedergebrannt wurde. Seine Mutter sei „in den Wald gegangen und nicht wiedergekehrt“. Nur Augustin und seine Schwester Katharina überlebten.

„Als das Wasser nicht mehr klar war vom Blut, zog ich fort. Ich nahm die Feder meines Vaters und schwor, niederzuschreiben, was der Himmel nicht hören will.“


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