Zwischen Nizza und Monaco erhebt sich, wie ein trotziges Gebet aus Stein, das Dorf Èze. Wer heute den steilen Pfad hinaufsteigt, ahnt vielleicht noch den Atem der Jahrhunderte – das Knirschen von Stiefeln auf Kalk, das ferne Donnern von Geschützen, das Flüstern von Loyalitäten, die im Wind wechselten wie die Fahnen auf den Zinnen.
Im 14. und 15. Jahrhundert gehörte dieses felsige Nest zur Herzogtum Savoyen, jener eigenwilligen Macht zwischen Alpen und Meer, die weder ganz italienisch noch ganz französisch war, sondern ein Grenzreich – zäh, ehrgeizig, misstrauisch. Savoyen wusste um den Wert von Höhen. Wer die Berge hielt, hielt die Wege. Und wer die Wege hielt, kontrollierte den Handel, die Zölle, die Gerüchte – und das Schicksal.
Èze war kein schmuckes Dorf für Maler und Flaneure, sondern eine Wache. Die Fortesierung – jene systematische Befestigungspolitik Savoyens – machte aus dem Felsen eine Bastion. Mauerringe schlangen sich um den Gipfel wie steinerne Schlangen; schmale Tore, so gebaut, dass kein Sturmangriff sie leicht brechen konnte, zwangen Angreifer in enge Winkel. Ein Donjon erhob sich über die Dächer, wachsam wie ein steinernes Auge über dem Mittelmeer. Die Häuser selbst waren Teil der Verteidigung: dicht gebaut, kaum Zwischenräume, schmale Gassen, die eher Scharten als Straßen glichen. Wer hier kämpfte, kämpfte Schritt um Schritt.
Savoyen befestigte nicht aus Eitelkeit, sondern aus Not. Die Küste war umkämpft. Die Grafen von Provence blickten mit Begehrlichkeit auf die strategischen Höhen. Später drängte die französische Krone, und von Osten her wuchs der Einfluss der italienischen Mächte. Èze war Grenzposten in einem Spiel, dessen Regeln sich ständig änderten.
Die Kämpfe kamen selten als große, entscheidende Schlacht. Sie kamen als Überfälle im Morgengrauen, als Belagerungen, die Wochen dauerten, als Verrat hinter halb geöffneten Toren. Einmal – so berichten Chroniken aus der Region – soll eine savoyische Garnison monatelang ausgeharrt haben, während feindliche Truppen die Wasserzufuhr kappten. Man lebte von Vorräten, von gesalzenem Fisch, von dem, was die Zisternen hergaben. Der Durst war der unsichtbare Belagerer.
Doch Savoyen verstand es, seine Höhen zu halten. Die Herzöge – von Amadeus bis zu ihren Nachfolgern – investierten in Stein statt in Pracht. Während anderswo Kathedralen wuchsen, wuchsen hier Bastionen. Die Mauern von Èze wurden verstärkt, Türme erhöht, Schießscharten an die neue Kunst des Pulvers angepasst. Mit dem Aufkommen der Artillerie veränderte sich auch der Fels: niedriger, dicker, widerstandsfähiger mussten die Wälle sein. Der Krieg schrieb seine technische Evolution in den Kalkstein.
Und doch war das Dorf mehr als Garnison. Zwischen den Alarmrufen lebte ein Alltag aus Olivenöl, Fischfang und frommen Prozessionen. Die Menschen wussten, dass sie auf einer Schwelle lebten. Ihre Identität war kein festes Banner, sondern ein Gewebe aus Dialekten, Bündnissen, Überlebensstrategien. Mal sprach man vom savoyischen Herrn mit Loyalität, mal mit vorsichtiger Distanz. Denn Macht, das hatte man gelernt, ist in Grenzregionen nie endgültig.
Im 16. Jahrhundert, als die großen europäischen Konflikte die Küste erreichten, wurde Èze erneut zum Spielball. Die Spannungen zwischen Savoyen und Frankreich eskalierten, und die Region um Nizza wurde mehrfach umkämpft. Die Mauern von Èze sahen Banner wechseln, hörten Befehle in verschiedenen Zungen. Jede Partei versprach Schutz; jede forderte Treue.
Es heißt, dass nach einem besonders heftigen Gefecht Teile der Befestigung schwer beschädigt wurden. Doch selbst in Trümmern blieb der Ort Symbol. Der Fels selbst war die eigentliche Festung – uralt, unbeugsam, gleichgültig gegenüber den wechselnden Herren. Savoyen mochte herrschen, Frankreich mochte drängen, doch der Stein überdauerte sie alle.
Wenn man heute durch Èze geht, zwischen Galerien und Gärten, sieht man nur noch Fragmente jener Wehrhaftigkeit. Doch in der Enge der Gassen, im abrupten Abbruch der Klippen, im Blick hinunter auf das weite Meer liegt noch immer jene alte Logik: Wer hier oben steht, hat Zeit gewonnen.
Und vielleicht ist das die eigentliche Geschichte Savoyens in Èze – nicht Triumph oder Niederlage, sondern das beharrliche Halten eines Felsens gegen die Unruhe der Welt.
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